Heidelberg- Event

Vom 17.-18. Juli fand auf Einladung der Stadt Heidelberg unter dem Titel "Heidelberg-Israel, Science and Culture" ein multidisziplinäres Symposium statt, welches die zahlreichen Verbindungen der Stadt zu Israel spiegelte.

Heidelberg-Israel, Science and Culture

Festlicher Auftakt am 17.7. 2008

Am Anfang des Heidelberg-Israel-Tages stand ein festliches Abendessen im historischen Palais Prinz Carl, das musikalisch von einem Jugendgitarrenensemble der Städtischen Musik- und Singschule Heidelberg und einem Bariton des Stadtheaters untermalt wurde.
In seiner Willkommensrede betonte Dr. Eckart Würzner, Oberbürgermeister von Heidelberg, den dreifachen Anlass des Heidelberg-Israel-Tages: Den 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel, die seit 25 Jahren bestehende Städtepartnerschaft der beiden "Wissenschaftsstädte" Heidelberg und Rehovot sowie das Deutsch-Israelische Jahr der Wissenschaft und Technologie 2008. Unter den Gästen waren denn auch Mitglieder der Stadträte von Heidelberg und Rehovot, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität und der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, des Weizmann-Institutes, des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), der zahlreichen in Heidelberg und Umgebung ansässigen Max-Planck-Institute und in der Städtepartnerschaft engagierte Bürgerinnen und Bürger.

Würzners Kollege aus Rehovot, Bürgermeister Joshua Forer, hob die Bedeutung von Wissenschaft und Sport für die Völkerverständigung hervor: "Wissenschaft und Sport überwinden Mauern und bauen Brücken." Forer lud Oberbürgermeister Würzner nach Rehovot ein, wo ein Park nach der Partnerstadt Heidelberg benannt werden soll.

Die über 30jährige deutsch-israelische Zusammenarbeit im Bereich der Krebsforschung war Thema der Rede von Professor Otmar D. Wiestler, dem Vorstandsvorsitzenden des DKFZ und Professor Wolfhard Semmler, Koordinator der bilateralen Kooperation. Wissenschaftlerteams aus beiden Ländern haben mehr als 1.000 Publikationen veröffentlicht, 120 Projekte durchgeführt und zahlreiche zum Teil wegweisende Ergebnisse erzielt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) stellte der Kooperation zwischen dem DKFZ und israelischen Forschungseinrichtungen seit 1976 insgesamt 23,1 Millionen Euro zur Verfügung. Ein besonderes Augenmerk der Kooperation liegt auf der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. In diesem Zusammenhang verwies Wiestler auf die erste Winter School im vergangenen März in Österreich.

Professor Isaac P.Witz, Mitglied des Programm-Komitees der Kooperation in der Krebsforschung, berichtete unter anderem über die Krebsforschung an der Tel Aviv Universität und den ihr angeschlossenen Kliniken. 

Der Rektor der Universität Heidelberg, Professor Bernhard Eitel, berichtete, dass die Universität, die durch die Verdrängung und Vertreibung jüdischer Wissenschaftlerinnen uns Wissenschaftler während der Zeit des Nationalsozialismus ein Viertel seines Lehrkörpers verloren habe, seit 30 Jahren eine Partnerschaft mit der Hebräischen Universität Jerusalem verbindet und heute mit fast allen israelischen Universitäten gemeinsame Projekte und Austauschprogramme unterhält.

Professor Johannes Heil, Prorektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, stellte seine Hochschule vor. An acht Lehrstühlen sind ca. 180 Studierende aus 14 Ländern eingeschrieben - Juden und Nichtjuden. Die 1979 gegründete Hochschule unterhält Austauschprogramme mit fast allen israelischen Universitäten. Heil schilderte auch den schwierigen Beginn der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Heute unvorstellbar ist beispielsweise die Diskussion darüber, ob ein in Deutschland gebautes und nach Israel geliefertes Schiff mit deutscher Flagge in den Hafen von Haifa einlaufen durfte.

Wie problematisch die deutsch-israelische Annäherung für die ältere Generation zum Teil bis heute ist, führte Professor Daniel Zajfman, Präsident des Weizmann-Institutes aus. Seine Entscheidung, zwischen 1991 und 2007 am Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik zu forschen, sei neben der fachlichen Motivation vor allem von der Überzeugung getragen gewesen, "dass Geschichte nicht benutzt werden sollte, um Menschen voneinander zu separieren, sondern sie zusammenzubringen." Zajfmans Mutter, eine Shoah-Überlebende, stand seiner Entscheidung lange Zeit verständnislos gegenüber. Erst anlässlich der Verleihung des Minerva-Awards an ihren Sohn konnte sie sich zu einem Besuch in Deutschland durchringen. "Als wir dann hier in Heidelberg in einem Café saßen, hatten wir beide Tränen in den Augen und sie war froh, diesen Schritt getan zu haben."


Symposium im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ)

Im Mittelpunkt des zweiten Veranstaltungstages im Konferenzzentrum des DKFZ standen nach den Grußworten von Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wissenschaft Vorträge zur hebräischen Literatur sowie zu deutsch-israelischen Kooperationsprojekten in den Bereichen Umweltphysik, Archäologie, Geschichte und Krebsforschung.

Frau Bundesministerin Dr. Annette Schavan würdigte die Wissenschaft als Schlüssel für Entwicklung und betonte die Bedeutung Heidelbergs als Symbol für Wissenschaft und Forschung. Neben den meist naturwissenschaftlich ausgerichteten Kooperationen des DKFZ, der Universität Heidelberg und der Max-Planck-Institute mit israelischen Forschungseinrichtungen, so Schavan, soll künftig auch die Zusammenarbeit im Bereich Geisteswissenschaften stärker gefördert werden. In diesem Zusammenhang wird in Israel anlässlich des Wissenschaftsjahres ein Minerva-Zentrum als "Cross Cultural Center" eingerichtet. Schavan betonte auch die Bedeutung der Nachwuchsförderung für den Fortbestand der deutsch-israelischen Kooperation. In diesem Zusammenhang begrüßte sie die drei diesjährigen Preisträger des "IsraeI Young Scientists Contest" (ein Pendant zu "Jugend forscht"), mit der das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) jährlich drei junge Forscher aus Israel auszeichnet.

Der Gesandte der Botschaft des Staates Israel, Ilan Mor, verwies in seiner Rede auf die Erfolgsgeschichte Israels, das neben einer stabilen Demokratie auf global bedeutsame Leistungen in Wissenschaft und Forschung stolz sein könne. Er schloss mit einem Zitat Goethes: "Wissenschaft und Kunst gehören der Welt. Vor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität."
Dr. Amnon Barak, Direktor der German-Israeli Foundation for Scientific Research and Development (GIF), bot einen Überblick über die Förderung von Heidelberger Forschungseinrichtungen durch die Stiftung: Bislang stellte die GIF der Universität Heidelberg, dem DKFZ sowie den Max-Planck-Instituten 3.462.346 Euro zur Verfügung.

Zu den Fachvorträgen und der Vorstellung der drei Gewinner der "Young Scientists Competition" (Link)


Fachvorträge

Professor Anat Feinberg von der Hochschule für Jüdische Studien stellte die Entwicklung der hebräischen Literatur von den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis heute dar. Während in den Jahren vor und nach der Staatsgründung der "kraft-strotzende, aufrechte, furchtlose und braungebrannte Jude als Gegenpol zum angstvollen, unterdrückten Diaspora-Juden" im Mittelpunkt gestanden hätte, habe sich das Bild ab den 60er Jahren allmählich gewandelt. Yoram Kaniuk kritisiert die israelischen Kriege, Amos Oz entmystifiziert das Leben im Kibbutz und Eli Amir wirft den Blick auf die Diskriminierung orientalischer Einwanderer im ashkenasisch dominierten Israel. Außerdem erfahren die verlorene Welt des jüdischen (Vorkriegs-) Lebens und die Religion eine Aufwertung. In den letzten 20 Jahren treten - auch unter dem stärker werdenden Einfluss von Frauen in der israelischen Literatur - "kollektive" Themen wie Krieg, Militär und Nation zugunsten von subjektiven Themen wie Liebe, Familie, Sexualität und zwischenmenschliche Beziehungen in den Hintergrund.
Israelische Literatur, so Feinberg, wird in keine andere Sprache häufiger übersetzt als ins Deutsche und hat sich ihren festen Platz auf dem deutschen Büchermarkt erobert.

Professor Ulrich Platt, Direktor des Instituts für Umweltphysik der Universität Heidelberg, berichtete über die Kooperationen seines Institutes mit der Hebräischen Universität in Jerusalem zu Fragestellungen der Atmosphärenchemie. Gemeinsam untersuchen die Forscherinnen und Forscher die Ursachen der außergewöhnlich hohen Bromkonzentration über dem Toten Meer. Dabei konnten sie herausfinden, dass die bromhaltigen Substanzen, die direkt aus den großen Salinen am Südende des Toten Meeres entstehen, zu einer erhöhten Konzentration von Bromoxid in der Atmosphäre beitragen, was wiederum verantwortlich für die Ozonzerstörung ist und die niedrigen Ozonwerte in dieser Region erklären kann.

Das archäologische Projekt Ramat Rachel bei Jerusalem war Gegenstand eines Vortrages von Professor Manfred Oeming von der Theologischen Fakultät der Uni Heidelberg. Die Grabungsstätte enthält Überreste aus der persischen Epoche (ca. 500 v. Chr.) bis in die frühislamische Zeit (8. Jhd. n. Chr.). Ziel des Projektes, in dem Professoren und Studierende der Universitäten Heidelberg, der Hochschule für Jüdische Studien und der Universität Tel Aviv zusammenarbeiten, sind die Überprüfung und Veröffentlichung früherer Grabungsergebnisse.

Dr. Fania Oz-Salzberger von der Universität Haifa und ihr deutscher Kollege Professor Thomas Maissen stellten ihre von der German-Israeli Foundation for Scientific Research and Development (GIF) geförderte Arbeit zur europäischen Ideengeschichte im 17. und 18. Jahrhundert vor. Unter anderem erforscht das Projekt den Bedeutungswandel von Begriffen wie Freiheit und Demokratie im Laufe der Geschichte.

Professor Benny Geiger vom Weizmann Institut hielt einen Vortrag zu seinem Fachgebiet, der "Zelladhäsion", welche das Anheften einer Zelle an Ihre Nachbarzellen oder aber an die außerhalb der Zellen gelegene Matrix aus Strukturproteinen beschreibt. Die Zelladhäsion ist zentral für die Regulation einer Reihe von physiologischen Vorgängen wie Zellmorphologie und Zellwachstum, aber auch die Fähigkeit der Zellen, ihr Ursprungsgewebe zu verlassen und sich in einem fremden Gewebe wieder einzunisten. Letzteres ist ein Schlüsselprozess bei der Ausbildung von Metastasen einer Krebserkrankung.

Eine weitere Wissenschaftlerin des Weizmann Institutes, Professor Varda Rotter, berichtete über die Bedeutung des Tumorsuppressor-Gens p53. Das Gen p53, auch als "Wächter des Genoms" bezeichnet, ist in rund der Hälfte aller bösartigen Tumoren mutiert und dadurch "stumm geschaltet". Als Folge davon teilt sich eine Zelle nach Schädigung ihres Erbguts ungehemmt weiter, ohne dass der Erbgutfehler repariert oder der programmierte Zelltod eingeleitet wird. In ihrer aktuellen Arbeit hat Varda Rotter in Zellen verschiedener Gewebe des Menschen solche Gene ausgeschaltet, die für die Krebsentstehung von zentraler Bedeutung sind. Die Forscher untersuchen nun in diesen experimentell hergestellten Zelllinien, welche Netzwerke von genetischen Wechselwirkungen durch die krebstypischen Erbgutveränderungen eingeleitet werden. Die Wissenschaftler versprechen sich davon Einblick in die Vorgänge, die letztendlich zur bösartigen Entartung einer Zelle führen.
Varda Rotter, die derzeit dem Kuratorium des Deutschen Krebsforschungszentrums angehört, war ebenso wie ihr Kollege Benjamin Geiger Partner zahlreicher Kooperationsprojekte mit DKFZ-Forschern im Rahmen des Deutsch-Israelischen Krebsforschungsprogramms.


Jugend forscht


Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zeichnet jährlich drei israelische Schüler mit dem "Young Scientists Award" (ähnlich dem "Jugend-forscht-Preis") aus und lädt sie zu einem dreiwöchigen Deutschlandaufenthalt ein. Diesjährige Gastgeberin ist die Universität Heidelberg. In ihrer ersten Woche konnten die Schüler bereits Berlin, Potsdam, Weimar, Mainz und das Rheintal kennen lernen.


Amir Sasson, 18 Jahre aus Jerusalem, Fachgebiet Recht:

Ich habe mich schon vorher mit Deutschland beschäftigt, mit der deutschen Geschichte und den Juden, der deutschen Politik. Mir gefällt Deutschland sehr gut. Ich dachte immer, die Deutschen sind kühl, aber das stimmt nicht. Sie machen auf mich einen sehr hilfsbereiten Eindruck und da gibt es auch keinen Unterschied zwischen jung und alt. In Israel wird Deutschland immer noch sehr stark mit dem Holocaust assoziiert, ich selbst bin der Enkel von zwei Überlebenden. Ich kann sagen, wenn meine Großeltern noch lebten, würden sie nicht gerne sehen, dass ich jetzt in Deutschland bin. Wenn ich nach Israel zurückkomme, warten erstmal drei Jahre Armee auf mich, danach möchte ich unbedingt Jura studieren, das ist mein Leib- und Magenfach, daher habe ich auch schon während meiner Schulzeit Kurse an der Universität besucht. Ich könnte mir auch vorstellen, mal in Deutschland zu studieren.


Doron Levin, 18 Jahre aus Beer Sheva, Fachgebiet Quantenphysik:

Ich hatte bisher keinen Bezug zu Deutschland. Nachdem ich den Preis gewonnen habe und klar war, dass ich nach Heidelberg komme, habe ich allerdings viel über die Stadt gelesen. Es ist alles sehr effizient hier, gut organisiert. Ich mag die Atmosphäre in Heidelberg, aber auch an anderen Plätzen in Deutschland. Die alten Häuser, die Kultur. Und vor allem: Hier ist es überall grün!!! Jetzt muss ich erstmal drei Jahre zur Armee, danach werde ich Physik studieren.


Itay Yahalom, 19 Jahre aus Jerusalem, Fachgebiet Künstliche Intelligenz:

Die Kultur hier in Deutschland gefällt mir gut. Heidelberg ist eine tolle Stadt, auch was ich sonst bisher gesehen habe, war schön. Ich finde es beeindruckend, wie gut alles funktioniert, vor allem das Transportsystem - Spitze! Die Leute in Deutschland sind viel stiller und ruhiger als die in Israel. Was mir nicht gefällt - Sprudelwasser!
Anders als die anderen beiden bin ich schon in der Armee. Danach möchte ich Informatik studieren.