Professor Dr. Israel Pecht und Professor Dr. Helmut Schwarz berichten über persönliche Erfahrungen in den unterschiedlichen Wissenschaftslandschaften in Deutschland und Israel und ihre Einschätzung der deutsch-israelischen Kooperation. Außerdem stellen sich einige der in Berlin anwesenden Nachwuchswissenschaftler/innen vor.
Ende der 60er Jahre kam ich als Post-Doc mit meiner Familie zu einem dreijährigen Aufenthalt an das Max-Planck-Institut für Physikalische Chemie nach Göttingen. Viele meiner Kollegen und Freunde sahen meinen Entschluss, ausgerechnet nach Deutschland zu gehen, sehr kritisch. Aber aus wissenschaftlicher Sicht war es sehr wichtig und auch aus menschlicher Sicht: Bis heute verbinden uns Kontakte nach Göttingen, die aus jener Zeit stammen. Ich kann sagen, dass mein Gastaufenthalt in Göttingen der Beginn meines nun schon über vierzigjährigen Engagements in der deutsch-israelischen Kooperation war.
Früher gab es durch die deutsch-jüdischen Emigranten einen großen deutschen Einfluss auf die wissenschaftlichen Einrichtungen in Israel; heute dominieren amerikanische Strukturen. Was ich an Deutschland schätze, ist die substantielle Qualität und die Bandbreite der Forschung. Als nachteilig sehe ich, dass es jungen Wissenschaftlern in Deutschland zumindest im Universitätsbetrieb sehr schwer gemacht wird: Man muss erst viele Jahre unter einem Professor "dienen", um seine Habilitation zu bekommen. In Israel bekommt ein Post-Doc nach einigen Jahren sein eigenes Labor.
Es ist schade, dass nur wenige israelische Studierende als Post-Doc nach Deutschland gehen. Ich denke, eine Hürde ist die deutsche Sprache. Da liegt es meistens näher, in die USA zu gehen. Ich hoffe, dass durch das Deutsch-Israelische Wissenschaftsjahr die Leute hier wie dort auf die Möglichkeit eines Forschungsaufenthaltes im jeweils anderen Land aufmerksam gemacht werden.
1977 nahm ich an einer Konferenz im Weizmann-Institut teil und fast automatisch ergaben sich die ersten Kontakte, die sich im Laufe der Jahre ausweiteten. Bis 2001 arbeitete ich als Wissenschaftler an verschiedenen israelischen Unis und Forschungseinrichtungen. Später war ich in verschiedenen Funktionen für Minerva und DIP in Israel.
Was mich die ganze Zeit über fasziniert hat: Dieses Land hat ein klares Auge für junge Talente, sieht in ihnen Personen eigenen Rechts, denen es großen Freiraum lässt. In diesem Land gibt es eine Leidenschaft für die Wissenschaft, Mut über unorthodoxe Dinge nachzudenken und mit minimalen Mitteln Optimales zu erreichen. Die Ursachen liegen, glaube ich, in der jüdischen Tradition des Lehrens und Lernens, in Israels hohem Anteil an Intellektuellen, aber auch darin, dass es eine elitäre Gesellschaft ist: Wer an einer israelischen Universität studiert, muss im Allgemeinen viel mehr Prüfungen durchlaufen, als dies in Deutschland üblich ist.
Die Israelis schätzen Deutschland trotz aller Unkenrufe als Land mit glänzenden Forschungsstrukturen und nutzen es als Einfallstor nach Europa.
Mich sorgt allerdings, dass viele Deutsche und Israelis, wenn es um Forschungsaufenthalte im Ausland geht, so sehr auf die USA fixiert sind. Es muss vermittelt werden, dass beide Länder viele Karrierechancen zu bieten haben. Deutsche zögern, nach Israel zu gehen, weil sie eine von den Medien geprägte Wahrnehmung der politischen Situation haben; Israelis wissen nicht, wie intensiv und bemüht man in Deutschland ist, sich der Vergangenheit zu stellen. Es herrschen, überraschenderweise gerade bei der jüngeren Generation, große Vorurteile. Das Deutsch-Israelische Wissenschaftsjahr ist eine Chance. Ich wünsche mir einen intensiveren Austausch. Dazu könnten auch mehr gemeinsame Sommerschulen beitragen.
Seit 2006 bin ich Doktorand an der Wirtschaftlichen Fakultät der Hebräischen Universität Jerusalem. Mein Forschungsschwerpunkt ist die Spieltheorie.
Ich interessiere mich schon seit langem für Israel, war immer wieder dort und habe schließlich angefangen, Hebräisch zu lernen und mich dann entschlossen, in Israel zu promovieren. Zunächst wurde ich von der Hebräischen Universität finanziert, 2007 erhielt ich ein zweijähriges Minerva-Stipendium.
Die Spieltheorie ist in Israel sehr populär und wird von Professoren unterschiedlichster Fachrichtungen zur Analyse in ihren jeweiligen Fächern angewendet.
Was den Wissenschaftsbetrieb an meiner Herkunftsuniversität - ich komme von der FU-Berlin - und dem hier in Jerusalem angeht, sehe ich keine großen Unterschiede. Die Doktorandenprogramme sind ähnlich organisiert, die Hierarchien sind hier wie dort flach. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass der Anreiz zum Forschen in Israel größer ist. Trotz knapper Mittel ist der Forschungsoutput in Israel sehr hoch. Was das Privatleben angeht, habe ich schon einige gute Freunde unter den Israelis gefunden. Manche haben angefangen, Deutsch zu lernen. Ich habe das Gefühl, viele Israelis sind interessiert an Deutschland und den Deutschen.
Ich bin Senior Lecturer in der Abteilung Chemical Engineering der Ben-Gurion Universität des Negev mit dem Schwerpunkt Biophysik der Zelle. Im Rahmen meines Post-Doc Forschungsaufenthalts in Paris habe ich Kollegen aus Deutschland kennen gelernt, z.B. vom Max-Planck-Institut Dresden, der Universität des Saarlandes und von der Universtität München.
Mit ihnen arbeite ich seit einiger Zeit an einem Projekt zum Thema "Modeling cooperative effects in biological systems" - "Erstellung zusammenwirkender Effekte in biologischen Systemen". Ich empfinde internationale Kooperation als sehr wichtig, zumal mit einem Partner wie Deutschland: Das wissenschaftliche Niveau in Deutschland ist sehr hoch, das System sehr gut organisiert, die Forscher sind bestens ausgebildet. Mir ist aufgefallen, dass die meisten deutschen Forscher sehr offen und bereit sind, ihr Wissen und ihre Erfahrung zu teilen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland hierarchischer organisiert sind als bei uns in Israel.
Etwas schwierig ist manchmal die Kommunikation mit unseren Kooperationspartnern: Die dortigen Computer lassen sich von Deutschland aus nicht so leicht ansprechen wie man das von anderen Ländern gewohnt ist. Die Daten werden auf Grund der Sicherheitslage viel gründlicher geprüft und das kostet Zeit.
Ich hoffe, dass das Deutsch-Israelische Wissenschaftsjahr es den Leuten schmackhaft macht, Kontakte zu einem Land zu knüpfen, das vielleicht nicht so in aller Munde ist, aber einiges zu bieten hat.